Gesundheit Nord Klinikverbund Bremen

Von der Viersäftelehre zur individuellen Zelltherapie

Gesundheit

Als das Klinikum Bremen-Mitte 1851 entsteht, ist Krebs weltweit noch ein großes Rätsel. Doch ab Mitte des 19. Jahrhundert folgen in der Forschung grundlegende Fortschritte, die die heutige moderne Krebsmedizin überhaupt erst möglich machen und durch die im Onkologischen Zentrum am Klinikum Bremen-Mitten heute jährlich vielen Patientinnen und Patienten auf modernste Weise im Kampf gegen den Krebs versorgt werden können.

Wie funktionierte Krebstherapie eigentlich vor 175 Jahren? Kurzum: Meist gar nicht. Als das Klinikum Bremen-Mitte als damalige „Krankenanstalt an der Wisch“ entsteht, ist an eine fachübergreifende Onkologie in Deutschland noch lange nicht zu denken. Sie gibt es noch gar nicht. Wie Krebs entsteht, gilt bis dahin noch weltweit als großes Rätsel. Viele Jahrhunderte glaubt man an ein Ungleichgewicht der Körperflüssigkeiten (Viersäftelehre) als Ursache, das nur wieder ins Gleichgewicht gebracht werden müsste. Auch das Ziel, sichtbare Geschwülste großflächig zu entfernen, funktioniert lange Zeit nur mit einem großem Sterberisiko und ohne Betäubung unter größten Schmerzen für Patientinnen und Patienten. Doch um die Mitte des 19. Jahrhunderts gewinnt die Medizin grundlegende neue Erkenntnisse, auf denen die heutige moderne Krebstherapie aufbaut: So weist der Mediziner Johannes Peter Müller 1838 mikroskopisch nach, dass Tumore eine eigene zelluläre Struktur haben. 1858 begründet der Pathologe Rudolf Virchow dann die Zellularpathologie, nach der (Krebs-)Erkrankungen auf Störungen und Veränderungen von Körperzellen zurückzuführen sind. 

„Heute können wir das Erbmaterial von Tumorzellen und deren Zusammenspiel mit deren eigenen Umgebung, das Mikromilieu sehr genau verstehen. Das war der Startschuss der modernen Krebstherapie, welcher sich durch einen Übergang von radikalen und zufälligen Behandlungen zu immer individuelleren gezielten Strategien zur Bekämpfung des Zellwachstums kennzeichnet“, sagt Prof. Maher Hanoun, Chefarzt der Medizinischen Klinik I, im Klinikum Bremen-Mitte. Hanoun ist Leiter des Onkologischen Zentrums, das 2015 erstmals als solches von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert und in diesem Jahr einmal mehr als solches ausgezeichnet wurde. Im Onkologischen Zentrum, einem der größten im Nordwesten Deutschlands, arbeiten die besten und erfahrensten Ärztinnen und Ärzte aus verschiedenen Fachbereichen zusammen. Innere Medizin, Radiologie, Strahlentherapie, Chirurgie u.v.m. suchen gemeinsam die am besten geeignete Therapie für jeden einzelnen Patienten. Denn jede Krebserkrankung ist anders. Umso wichtiger ist der umfassende Blick auf die Erkrankung. So wird in der fachübergreifenden Tumorkonferenz – als Basis des Onkologischen Zentrums – jeder Fall von Krebsexperten aus verschiedenen Bereichen besprochen. „Wir erarbeiten gemeinsam einen individuellen Therapievorschlag und stimmen diesen detailliert mit dem Patienten ab“, sagt Hanoun. Der Kampf gegen den Krebs könne nur im Team gelingen. 

 

Krebsmedizin wird erst im 20. Jahrhundert zur Teamarbeit

Eine Erkenntnis, die man in Deutschland erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts gewinnt, als in Berlin 1903 die erste onkologische Station entsteht und die Krebsbehandlung nicht mehr nur Teil einer einzelnen Disziplin - entweder von Innerer Medizin oder Chirurgie  - ist. Die Entdeckung Röntgenstrahlen (1895 durch Wilhelm Conrad Röntgen) macht es nun nicht nur möglich, einen Körper zu durchleuchten, sondern führt auch zu der Entdeckung, dass Strahlen den Krebszellen schaden können. Der Anfang der Strahlentherapie, mit der heute ganz gezielt Krebszellen zerstört werden können. In diese Zeit fällt auch die Entstehung des Worts Chemotherapie. Der spätere Nobelpreisträger Paul Ehrlich prägt Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals den Begriff Chemotherapie. Denn er erkennt, dass Krankheitserreger im Körper durch chemische Substanzen bekämpft werden können und erfindet das erste Medikament gegen die Infektionskrankheit Syphilis, später auch das erste Antibiotikum weltweit. Die weltweit erste Chemotherapie gegen einen Tumor folgte erstmals 1942 als einem Patienten während des zweiten Weltkriegs mit einer schweren Form von Lymphdrüsenkrebs der Kampfstoff Senfgas verabreicht wurde. Das Ergebnis: Die Tumore schrumpften sichtbar. 

Hanoun: „In den letzten 15 Jahren enorm viel getan“

„Gerade in den vergangenen 15 Jahren hat sich in der Krebsmedizin enorm viel getan“, betont Hanoun. Während Krebsoperationen, Chemotherapie-Behandlungen und Bestrahlung von Tumoren immer genauer und effektiver werden, ist in den vergangenen Jahren mit der Immuntherapie eine vierte wichtige Säule der Krebstherapie entstanden, die das körpereigene Immunsystem zur Bekämpfung von Krebszellen nutzen. Wie zum Beispiel die hochmoderne CAR-T-Zelltherapie, bei der körpereigene T-Zellen so verändert werden, dass sie Krebszellen (wie zum Beispiel Lymphome oder bestimmte Blutkrebserkrankungen) gezielt erkennen und zerstören können – ein Verfahren, das seit 2025 in Bremen zum Einsatz kommt. 

„Wir können heute sehr viel genauer diagnostizieren und den Betroffenen viel passgenauere Therapien anbieten, so dass Therapien effektiver und verträglicher werden“, sagt Prof. Maher Hanoun. „Die individualisierte Krebstherapie schreitet mit großen Schritten voran“, sagt Hanoun. Und mit dem Onkologischen Zentrum in Bremen-Mitte ist man seit vielen Jahren mittendrin in dieser Entwicklung.“

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