Wenn uns das Kopfkino über längere Zeit so beschäftigt, dass es schwer wird, sich auf andere Dinge zu konzentrieren, zu arbeiten, soziale Kontakte zu pflegen und den Alltag zu meistern, wird es kritisch. Die endlosen negativen Grübeleien können zu Unzufriedenheit, einem Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Kontrollverlust führen, was wiederum das Selbstwertgefühl massiv beeinträchtigt und die Betroffenen im Alltag lähmt. Hinzu kommen häufig Schlafstörungen, die Müdigkeit und Erschöpfung auslösen. „Dann wird es Zeit, sich professionelle Hilfe bei einem niedergelassenen Facharzt oder Psychotherapeuten zu holen“, sagt der Chefarzt.
Selbst aktiv werden
Aber man kann auch selbst aktiv werden, um den Film im Kopf anzuhalten. Wichtig sei zunächst, Gedankenmuster zu erkennen und zu merken, wann sie beginnen, sagt Deniz Karagülle. Manchmal seien es bestimmte, immer ähnliche Situationen, die den Film starten. Dann sei es wichtig, sich Zeit nehmen, um die Gedanken zu ordnen und sie ganz bewusst aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Fragen, wie „was würde meine Freundin jetzt sagen, wie würde sie die Situation sehen“, also ein bewusster Rollenwechsel, können dabei helfen. Anderen wiederum hilft es, die Gedanken aufzuschreiben und sie sich dadurch im Wortsinn klar vor Augen zu führen. „Bei allen Methoden ist der Realitätscheck immer das Entscheidende, weil die vom Gehirn geschaffene Gedankenwelt eben nicht die Realität ist“, so Karagülle.
Um den Film zu stoppen und sich ins Hier und Jetzt zurückzubegeben, können auch Achtsamkeitsübungen helfen. Eine gute Übung sei zum Beispiel, sich ein Stoppschild vorzustellen und vielleicht dabei sogar mit dem Fuß aufzustampfen oder zu klatschen, um die Vorstellung mit etwas Körperlichen zu verbinden, rät der Psychiater. Das helfe aber nur wenn man es regelmäßig trainiere. Beim ersten Mal würde es noch nicht klappen und einem komisch vorkommen, aber die Strategie helfe erwiesenermaßen. Dann könne man auch trainieren, bewusst zu positiven Gedanken und Bildern zu wechseln.
Das kopfeigene Warnsystem erkennen
Das ist aber eben nicht einfach. „Evolutionsbedingt reagieren wir von Natur aus stärker auf einen negativen, als auf einen positiven Reiz“, sagt Deniz Karagülle. Evolutionsbiologisch mache das auch Sinn, weil in Zeiten des Säbelzahntigers unser Überleben davon abhing, wie gut und wie schnell wir gefährliche Situationen erkennen und instinktiv darauf reagieren konnten. Die bunte Blumenwiese war da eher unwichtig. Zwar seien die Säbelzahntiger längst ausgestorben und wir in unserer westlichen Zivilisation nicht täglich lebensbedrohlichen Gefahren ausgesetzt, aber das Warnsystem in unserem Gehirn, die Amygdala, funktioniere immer noch so wie bei unseren frühen Vorfahren. Dessen müsse man sich bewusst sein, so Karagülle. Nur dann kann man mit etwas Übung die Tricksereien des eigenen Kopfes, erkennen und den kopfeigenen Kinosaal verlassen – mit Happy End.