Aus den anfänglich gefährlichen Apparaten sind heute strahlungsarme, digitale Hochleistungssysteme geworden, die aus dem Alltag der medizinischen Diagnostik nicht mehr wegzudenken sind. „Und dabei ist die grundlegende Technik eigentlich dieselbe“, sagt Prof. Arne-Jörn Lemke, Chefarzt des Zentrums für Radiologie des Klinikverbundes Gesundheit Nord. Er blickt anlässlich des 175. Geburtstages des Klinikums Bremen-Mitte auf die Entwicklung seines Fachgebietes.

Vom ersten Röntgenbild zur digitalen Hochleistungsmedizin
Das erste Röntgenbild entstand im Dezember 1895, als der Physiker Wilhelm Conrad Röntgen eine Aufnahme der Handknochen seiner Frau Bertha machte. Dieses Bild und seine zufällige Entdeckung unsichtbarer Strahlen revolutionierte die Medizin.
In Lemkes Büro steht eine große alte Röntgenröhre in einer hölzernen Halterung. Ein fragiles Museumsstück. Solche Röhren gibt es schon lange nicht mehr, ebenso wenig belichtete Platten oder Filme. Die zugrundeliegende Technik aber ist noch immer dieselbe. Heute allerdings komplett digital. Statt eines Films wird ein Detektor bestrahlt. Dieser liefert bei einer erheblich niedrigeren Strahlendosis gestochen scharfe Bilder. „Die Möglichkeit, ins Innere des Menschen zu blicken, ohne den Körper zu öffnen, war eine Revolution“, sagt Lemke. Anfangs jedoch sei es gelegentlich zu Strahlenschäden gekommen, bis in die siebziger Jahre wurde oft zu unbekümmert geröntgt. Erst 1976 wurde das „Pedoskop“ verboten, mit dem bis dahin in Schuhgeschäften der Sitz der Schuhe mit Durchleuchtung geprüft wurde. „Heute wägen wir viel genauer ab, wann eine Röntgenaufnahme oder eine Computertomographie Sinn macht“, so der Radiologe, außerdem stünden inzwischen andere Verfahren zur Verfügung, die wie bei MRT oder Ultraschall, ganz ohne Strahlung auskämen, so der Radiologe.
Aber der Reihe nach: Spätestens seit den 1950er-Jahren ist das Röntgen fester Bestandteil der medizinischen Diagnostik. Aber die Entwicklung schreitet zügig voran. Die noch junge Wissenschaft weckt großes Interesse angehender Mediziner und Naturwissenschaftler. In den siebziger Jahren geht die Computertomographie (kurz CT) an den Start. Eine Röntgenröhre rotiert dabei um den Patienten. Es werden Schichtbilder des Menschen berechnet. „Das CT wird häufig als Notfalluntersuchung eingesetzt, wie beispielsweise nach schweren Unfällen oder zur schnellen Abklärung eines Schlaganfalls“, erklärt Lemke. Ein CT-Bild sei präziser als ein herkömmliches Röntgenbild, es sei allerdings eine höhere Strahlendosis notwendig. „Die Radiologen sind hier als Experten gefragt und müssen immer Nutzen und Risiko gegeneinander abwägen“, so Lemke.
Bei einer Magnetresonanztomografie, abgekürzt MRT, die seit den 1980er-Jahren im Einsatz ist, werden Bilder ohne Strahlung über ein starkes Magnetfeld und Radiowellen erzeugt. Eine MRT-Untersuchung wird vor allem genutzt, um Muskeln, Bänder, innere Organe oder das Gehirn mit hohem Kontrast abzubilden. „Aber eine Untersuchung kann bis zu 30 Minuten dauern und die Zeit haben wir bei einem Notfall häufig nicht“, so Lemke. Er erzählt, wie das MRT in seiner Assistenzarztzeit in den neunziger Jahren Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung war. Mittlerweile ist diese immer noch sehr teure Technik aber weit verbreitet und flächendeckend in Krankenhaus und Praxis verfügbar. Genau diese Entwicklungen, die Medizin und Technik verbinden, sind es, die das Fach für den Radiologen so spannend machen.
Und es gibt einen weiteren großen Bereich der Radiologie, der heute Alltag ist, aber auch noch zu den jungen medizinischen Wissenschaften gehört – die Rede ist von der interventionellen Radiologie. Aus der rein bildgebenden diagnostischen Diagnostik wird die Radiologie damit zur therapeutischen Medizin mit schonenden Behandlungstechniken. Bei minimalinvasiven Eingriffen durch kleine Schnitte werden unter Bildführung Stents gesetzt, um Gefäße zu weiten, zielgenaue Tumortherapien durchgeführt oder Ports für die Chemotherapie gelegt. „Für große Zentren wie unserem ist das heute Alltag“, sagt Lemke. Er hat in den letzten fünfzehn Jahren etwa 1000 Ports eingesetzt, über die dann über längere Zeit Krebsmedikamente injiziert werden können.
Die größte Innovationskraft sieht Lemke zurzeit im Bereich von Robotik und künstlicher Intelligenz. „Noch ist ein gut ausgebildeter Mediziner besser, aber der Bereich der computergestützten Assistenzsysteme entwickelt sich schnell“, so Lemke. Sorgen, dass sein Beruf irgendwann überflüssig ist, macht er sich aber nicht. „Künstliche Intelligenz kann die Entscheidungsfindung unterstützen und einzelne Fragen beantworten, die Verantwortung für den Behandlungsprozess muss aber auch in der Zukunft ein Mensch tragen“, meint der Radiologe.
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