Johann Ockenga: Nein, das ist es eben nicht. Wer die Proteine vor allem aus rotem Fleisch und verarbeiteten Fleischprodukten bezieht, wird langfristig sicher nicht schlanker, fitter und gesünder. Hoher Fleischkonsum - insbesondere rotes Fleisch - steigert nachgewiesenermaßen das Krebsrisiko deutlich und ist auch für andere schwere Erkrankungen mitverantwortlich. Und mit Proteinen angereicherte, hoch verarbeitete Lebensmittel sind vor allem ein Marketingtrend. Oft enthalten diese Produkte neben Proteinen vor allem viel Zucker und Fett und sind so alles andere als gesund. Auch proteinreiche Nahrungsergänzungsmittel sind für die meisten völlig überflüssig. Ausnahmen sind schwer erkrankte und alte Menschen, die durch die tägliche Nahrung nicht genug Proteine bekommen. Das kann übrigens auch bei Veganern der Fall sein.
Geno-Magazin: Wie sieht denn eine gesunde Proteinzufuhr aus?
Johann Ockenga: Proteine sollten möglichst aus weitgehend unverarbeiteten Lebensmitteln wie Quark, Eiern, Fisch oder pflanzlichen Quellen, wie Nüssen, Gemüse oder Hülsenfrüchten oder aus weißem Geflügelfleisch stammen. Diese Nahrungsmittel erhalten zwar weniger Protein als die gehypten Ergänzungsmittel, aber gesunde Menschen können durch sie ausreichend Protein zu sich nehmen.
Geno-Magazin: Influencer behaupten aber, durch sehr viel Protein nimmt man wie von Zauberhand ab und baut gleichzeitig Muskeln auf. Das klingt doch toll!
Johann Ockenga: Klingt toll, stimmt aber so leider nicht. Niemand baut allein von Proteinen Muskeln auf. Dafür muss man schon Krafttraining machen. Das ist viel effektiver. Und zum Abnehmen: Proteine führen zu einer schnellen Sättigung und das kann unter Umständen kurzfristig dazu beitragen, etwas Gewicht zu reduzieren. Aber es gibt keine Studien, die beweisen, dass diese Ernährungsform langfristig zum Abnehmen geeignet ist oder gar das Leben verlängert.
Geno-Magazin: Welche Ernährungsform empfehlen Sie stattdessen, um sich fit und gesund zu halten?
Johann Ockenga: Ich empfehle immer eine mediterrane Kost, viel frisches Gemüse, wenig Fleisch, etwas Fisch und möglichst wenig mehrfach verarbeitete Lebensmittel wie Fertigprodukte. Außerdem ist es sinnvoll, auch mal am Tag vier Stunden am Stück nichts zu essen, um den Körper Ruhe zu gönnen. Und ansonsten versuche ich mich an die 80/20 Regel zu halten. Das bedeutet, zu 80 Prozent halte ich mich an diese Ernährungsempfehlungen. 20 Prozent dürfen aber auch mal abweichen – zum Beispiel in Form von Pommes, Pizza, Eis oder Schokolade.