Gesundheit Nord Klinikverbund Bremen

Proteine – Wundermittel oder gefährlicher Hype?

Gesundheit

Jeder Supermarkt ist zurzeit voll davon – Protein-Produkte. Ob in Süßigkeiten, Brot, Pasta, Eis, Getränken oder in den beliebten Riegeln – überall wird die Extraportion Protein angepriesen, die beim Abnehmen und beim Muskelaufbau helfen soll und mehr Power für den Alltag verspricht. Aber was ist dran an dem Trend aus den USA? Sind Proteine ein Wundermittel oder ist zu viel sogar gefährlich? Wir haben Gastroenterologen und Ernährungsmediziner Prof. Johann Ockenga, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin II am Klinikum Bremen-Mitte, dazu befragt.

Geno-Magazin: Der renommierte Langlebigkeitsforscher Valter Longo warnte vor kurzem in der ZEIT, dass der Proteinhype langfristig ungeahnte gesundheitliche Probleme verursachen könnte. Wie sehen Sie das? 

Johann Ockenga: Das ist eine gewagte These. Um ehrlich zu sein, dass wissen wir noch gar nicht. Wir haben keine Studien und keine harten Fakten, die die Gefährlichkeit von sehr proteinreicher Ernährung eindeutig belegen. Dennoch spricht tatsächlich einiges für seine Beobachtungen. 

Geno-Magazin: Vielleicht machen wir zunächst einen Schritt zurück – wozu sind Proteine gut und welche Menge brauchen wir?

Johann Ockenga: Proteine sind lebenswichtige Eiweiße, die wir natürlich in der täglichen Ernährung brauchen, weil sie ein wichtiger Energielieferant sind, alle Stoffwechselprozess steuern und den Knochen- und Muskelaufbau fördern. Als Faustregel gilt: 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht am Tag. Das ist das, was ernährungsmedizinische Fachgesellschaften empfehlen. Mehr sollte es nicht sein, es sei denn, man ist aktiver Leistungssportler.  

Geno-Magazin: Ist es egal, woher die Proteine stammen? 

Johann Ockenga: Nein, das ist es eben nicht. Wer die Proteine vor allem aus rotem Fleisch und verarbeiteten Fleischprodukten bezieht, wird langfristig sicher nicht schlanker, fitter und gesünder. Hoher Fleischkonsum - insbesondere rotes Fleisch - steigert nachgewiesenermaßen das Krebsrisiko deutlich und ist auch für andere schwere Erkrankungen mitverantwortlich. Und mit Proteinen angereicherte, hoch verarbeitete Lebensmittel sind vor allem ein Marketingtrend. Oft enthalten diese Produkte neben Proteinen vor allem viel Zucker und Fett und sind so alles andere als gesund. Auch proteinreiche Nahrungsergänzungsmittel sind für die meisten völlig überflüssig. Ausnahmen sind schwer erkrankte und alte Menschen, die durch die tägliche Nahrung nicht genug Proteine bekommen. Das kann übrigens auch bei Veganern der Fall sein. 

Geno-Magazin: Wie sieht denn eine gesunde Proteinzufuhr aus?

Johann Ockenga: Proteine sollten möglichst aus weitgehend unverarbeiteten Lebensmitteln wie Quark, Eiern, Fisch oder pflanzlichen Quellen, wie Nüssen, Gemüse oder Hülsenfrüchten oder aus weißem Geflügelfleisch stammen. Diese Nahrungsmittel erhalten zwar weniger Protein als die gehypten Ergänzungsmittel, aber gesunde Menschen können durch sie ausreichend Protein zu sich nehmen. 

Geno-Magazin: Influencer behaupten aber, durch sehr viel Protein nimmt man wie von Zauberhand ab und baut gleichzeitig Muskeln auf. Das klingt doch toll!

Johann Ockenga: Klingt toll, stimmt aber so leider nicht. Niemand baut allein von Proteinen Muskeln auf. Dafür muss man schon Krafttraining machen. Das ist viel effektiver. Und zum Abnehmen: Proteine führen zu einer schnellen Sättigung und das kann unter Umständen kurzfristig dazu beitragen, etwas Gewicht zu reduzieren. Aber es gibt keine Studien, die beweisen, dass diese Ernährungsform langfristig zum Abnehmen geeignet ist oder gar das Leben verlängert. 

Geno-Magazin: Welche Ernährungsform empfehlen Sie stattdessen, um sich fit und gesund zu halten?

Johann Ockenga: Ich empfehle immer eine mediterrane Kost, viel frisches Gemüse, wenig Fleisch, etwas Fisch und möglichst wenig mehrfach verarbeitete Lebensmittel wie Fertigprodukte. Außerdem ist es sinnvoll, auch mal am Tag vier Stunden am Stück nichts zu essen, um den Körper Ruhe zu gönnen. Und ansonsten versuche ich mich an die 80/20 Regel zu halten. Das bedeutet, zu 80 Prozent halte ich mich an diese Ernährungsempfehlungen. 20 Prozent dürfen aber auch mal abweichen – zum Beispiel in Form von Pommes, Pizza, Eis oder Schokolade. 

 

 

Diesen Artikel teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Artikel teilen
Artikel teilen

Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins gesund mal 4

Erhältlich in Apotheken, Arztpraxen und natürlich in unseren vier Krankenhäusern. Diese Ausgabe ist als Download verfügbar (per Klick auf das Cover)

Alle Ausgaben

abgehorcht – die Kolumne

In unserer Kolumne „Abgehorcht“ berichten unsere Autoren über die alltäglichen Versuche gesünder zu leben. Und darüber, warum das am Ende oft doch nicht klappt.
Kolumne „Abgehorcht“ lesen

Gesundheit Nord – Klinikverbund Bremen

Klinikum Bremen-Mitte
St.-Jürgen-Str. 1

28205 Bremen

Fon 0421 497-0

Klinikum Bremen-Nord
Hammersbecker Straße 228
28755 Bremen
Fon 0421 6606-0

Klinikum Bremen-Ost
Züricher Straße 40
28325 Bremen
Fon 0421 408-0

Klinikum Links der Weser
Senator-Weßling-Straße 1
28277 Bremen
Fon 0421 879-0