Gesundheit Nord Klinikverbund Bremen

Diagnostische Spurensuche: Neurologie löst rätselhaften Fall samt ungewöhnlicher Ursache

Patientengeschichten

Ein Mann kommt mit starken Gangbildstörungen ins Klinikum Bremen-Ost. Doch zunächst gibt es trotz genauer Untersuchung keine klare Ursache für seine Beschwerden. Ein auffälliger Wert im Blut des Mannes bringt das Team schließlich auf die richtige Spur und zu einem spannenden historischen Zusammenhang.

Als der 66-Jährige in die Klinik für Neurologie eingeliefert wird, kann er kaum noch geradeaus gehen. Zuvor war als Grund für die Gangbildstörung eine Polyneuropathie diagnostiziert worden, also eine Nervenerkrankung, die zu Koordinationsstörungen führt. Doch die schreitet normalerweise nicht so rasch voran wie bei dem 66-Jährigen.

Im MRT des Rückenmarks zeigen sich deutliche Defekte an den Hintersträngen, welche die Gangstörung begründen. Wie aber kommt es der rapiden Verschlechterung? Häufig ist die Erkrankung die Folge von Diabetes oder entsteht aufgrund eines gravierenden Vitamin B12-Mangels. Diese Ursachen aber kann das Behandlungsteam bei diesem Patienten ausschließen.

"Schlechte Kupferwerte extrem selten"

Chefarzt Prof. Thomas Duning und sein Team gehen nochmal die gesamten Blutwerte durch. Auf den ersten Blick schien damit alles in Ordnung – bis auf eine vermeintliche Kleinigkeit: Der Patient hat einen nachgewiesenen Kupfermangel. „Die Kupferwerte werden normalerweise gar nicht kontrolliert. Solche schlechten Kupferwerte sind extrem selten und haben uns dazu veranlasst, weiter auf Spurensuche zu gehen“, so Duning.

Assistenzarzt Florian Welle durchforstet die Fachliteratur und stößt dabei auf einen spannenden historischen Zusammenhang: Ein Arzt hatte um 1900 genau die Symptome des Patienten bei mehreren Arbeitern einer Zink-Mine festgestellt. Auch sie hatten mit einem zunehmend unsicher werdenden Gang und schlechter Koordination zu kämpfen. Welle forscht weiter und findet den Zusammenhang: Eine hohe Aufnahme von Zink in den Körper bewirkt, dass das Kupfer ausgeschieden wird. Dadurch kommt es zu krankmachend niedrigen Kupferwerten im Körper. Nun hatte der Patient aber natürlich nie in einer Zink-Mine gearbeitet. Dennoch sind diese historischen Fälle der Schlüssel zur Lösung des Diagnosefalls. „In der Fachliteratur findet man nämlich auch die Beschreibung sehr seltener Fälle, in denen ein markanter Übergebrauch von zinkhaltiger Haftcreme für Zahnprothesen zu einem Kupfermangel führen kann“, erklärt Klinikchef Duning. Und genau dieser Kupfermangel könne dann, wiederum in ganz seltenen Fällen, zu den Defekten der Hinterstränge im Rückenmark führen.

Überdosis aus dem Badezimmerschrank

Welle befragt seinen Patienten und erfährt, dass dieser aufgrund einer schlechtsitzenden Prothese tatsächlich bis zu acht Mal täglich zur Haftcreme griff und diese gegen jede Dosierempfehlung sehr oft verwandte. Ein Blick auf die Zusammensetzung macht klar – die Haftcreme enthielt viel Zink, im Gegensatz zu vielen anderen Produkten am Markt. Rätsel gelöst! Dunings Team bestellte extra auf dem US-Markt Kupfer-Infusionen, die auf dem europäischen Markt gar nicht so schnell zur Verfügung standen. Zudem wurde die Haftcreme gewechselt und die Dosierung angepasst. Die Therapie schlug an. Inzwischen ist der Patient in einer Reha-Klinik und so gut wie symptomfrei.

Diesen Artikel teilen

Das könnte Sie auch interessieren

Artikel teilen
Artikel teilen

Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins gesund mal 4

Erhältlich in Apotheken, Arztpraxen und natürlich in unseren vier Krankenhäusern. Diese Ausgabe ist als Download verfügbar (per Klick auf das Cover)

Alle Ausgaben

abgehorcht – die Kolumne

In unserer Kolumne „Abgehorcht“ berichten unsere Autoren über die alltäglichen Versuche gesünder zu leben. Und darüber, warum das am Ende oft doch nicht klappt.
Kolumne „Abgehorcht“ lesen

Gesundheit Nord – Klinikverbund Bremen

Klinikum Bremen-Mitte
St.-Jürgen-Str. 1

28205 Bremen

Fon 0421 497-0

Klinikum Bremen-Nord
Hammersbecker Straße 228
28755 Bremen
Fon 0421 6606-0

Klinikum Bremen-Ost
Züricher Straße 40
28325 Bremen
Fon 0421 408-0

Klinikum Links der Weser
Senator-Weßling-Straße 1
28277 Bremen
Fon 0421 879-0