Gesundheit Nord Klinikverbund Bremen

Wie Kinder im Bremer Long-Covid-Behandlungszentrum versorgt werden

Patientengeschichten

Im Long-Covid-Behandlungszentrum am Elki werden seit gut einem Jahr Kinder und Jugendliche mit Chronischem Erschöpfungssyndrom behandelt - einer Krankheit mit vielen Gesichtern. Das Behandlungszentrum ist eines von 20 vernetzten Zentren dieser Art in Deutschland.

Seit zwei Wochen geht Elias* wieder vier Stunden am Tag zur Schule. Ein großer Erfolg. Viele Monate war an einen täglichen Schulbesuch gar nicht zu denken. Oft konnte Elias nicht einmal das Bett verlassen. Der 12-Jährige leidet am Chronischen Erschöpfungssyndrom, das in seinem Fall aber nicht durch Covid, sondern durch einen anderen Infekt ausgelöst wurde. Heute sind Elias und seine Mutter zu einer Verlaufskontrolle in das Long-Covid- Behandlungszentrum des Eltern-Kind-Zentrums am Klinikum Bremen-Mitte gekommen. 

Das Long-Covid-Behandlungszentrum in der Tagesklinik des Eltern-Kind-Zentrums (Elki) besteht seit etwa einem Jahr und ist eines von 20 Behandlungszentren in Deutschland, die vom Bundesgesundheitsministerium für drei Jahre gefördert werden. Sie sind miteinander über das interdisziplinär ausgerichtete pädiatrische Netzwerk PEDNET-LC verknüpft, das sich der Forschung und Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Long Covid und ähnlichen Erkrankungen widmet. Alle sind zudem eingebunden in ein medizinisches Forschungsprojekt. Das Team des Long-Covid-Behandlungszentrums gibt alle medizinischen Daten anonymisiert in ein Register ein. Neun Forschungsinstitute befassen sich dann mit diesen Daten. Die Wissenschaftler erhoffen sich durch die geballte Datensammlung aus den aufgebauten Zentren mehr Erkenntnisse über die Erschöpfungserkrankung, um gezieltere Therapien und Angebote entwickeln zu können. 

Genaue Ursachen noch weitgehend unbekannt

„Diese Erkrankung wird noch gar nicht vollständig verstanden“, sagt Swantje Theß aus dem Elki-Team, die Elias heute untersucht. Man wisse weder die genauen Ursachen, noch gäbe es bislang Therapien, die die Ursache bekämpfen und nicht nur die Symptome lindern könnten. Zudem seien die Symptome und Bedürfnisse sehr unterschiedlich und komplex. „Hier kommen somatische, psychische und soziale Fragestellungen zusammen“, so Theß. Deshalb arbeiten im Long-Covid-Behandlungszentrum unterschiedliche Expertinnen und Experten. Neben Kinder- und Jugendärztinnen und einer Kinder-Psychiaterin aus der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Klinikum Bremen-Ost sind auch eine Psychologin, eine Physiotherapeutin und zwei Mitarbeiterinnen aus dem Sozialdienst im Team vertreten. Insgesamt kümmert sich das Bremer Team um Oberärztin Dr. Petra Kaiser-Labusch zurzeit um etwa 30 Patientinnen und Patienten zwischen 11 und 18 Jahren. „Der individuelle Betreuungsbedarf ist hoch“, sagt Swantje Theß. Für viele gäbe es zwischen den Terminen Telefonate und Videocalls bei akut auftretenden Problemen, manche Kinder würden auch zuhause behandelt. 

Elias berichtet derweil, wie gut es mit dem Sport schon wieder klappt. „Es geht mir gut“, sagt er, „fast schon wieder wie vor der Krankheit“. Probleme gäbe es eigentlich nur noch bei der Konzentrationsfähigkeit, ergänzt seine Mutter. „Wir arbeiten jetzt vor allem an der Ausdauer.“

Mutter und Sohn blicken wieder optimistisch in die Zukunft. Das war lange schwierig. 

„Wir haben unseren Sohn kaum wiedererkannt“

Die sorgenvolle Zeit beginnt im Herbst 2024 mit einem ganz normalen Infekt, wie er in dieser Jahreszeit eben vorkommt. Elias ist ein sehr sportlicher Junge, trainiert mehrmals die Woche Leichtathletik und Judo, ist ehrgeizig und motiviert. Gerade ist er in die fünfte Klasse eines Bremer Gymnasiums gewechselt, schreibt gute Noten. Und dann ist plötzlich alles anders. Obwohl die Symptome des Infektes längst abgeklungen sind, kann Elias auch Wochen später kaum das Bett verlassen. Er fühlt sich schwach, hat dauernd Kopfschmerzen, ist traurig und antriebslos. „Zum Anziehen hat Elias über eine Stunde gebraucht und wenn er mit Jacke an der Tür stand um rauszugehen, fehlten Hose oder Schuhe“, berichtet seine Mutter. „Wir haben unseren Sohn kaum noch wiedererkannt“, sagt sie. Er habe sich gar nicht mehr konzentrieren können und die meiste Zeit am Tag gelegen. 

Die niedergelassene Kinderärztin stellt Elias buchstäblich auf den Kopf, einen rein körperlichen Auslöser für die Schwäche findet sie nicht. Aber sie hat eine Vermutung – und die bestätigt sich dann im Long-Covid-Behandlungszentrum am Elki, wohin sie den Jungen überweist. Nach einer ganzen Reihe an körperlichen, psychischen und neurologischen Untersuchungen steht fest – Elias leidet am Chronischen Erschöpfungssyndrom. „Wir sind froh, dass Elias hier geholfen werden kann nach drei Monaten totaler Ungewissheit und Sorge“, sagt die Mutter. Hier habe man immer Ansprechpartner und werde verstanden und das mache schon vieles leichter. 

Inzwischen hat Elias eine vierwöchige Kur in einer Spezialklinik Murnau hinter sich, eine von ganz wenigen Rehakliniken in Deutschland, die gezielte Angebote für an Erschöpfungssyndrom leidende Kinder anbietet. Jetzt wird er weiter ambulant im Elki betreut.

Psychopharmaka in kleinsten Dosen 

Neben einer psychologischen Behandlung bekommt Elias auch ein Medikament – ein Psychopharmakon, das bislang nur für Erwachsene zugelassen ist. „Da wir noch ganz am Anfang der Forschung stehen, müssen wir so genannte individuelle Heilversuche anwenden, die auf Erfahrungsberichten anderer Kinderärzte beruhen“, erklärt Swantje Theß. Diese Medikamente werden in Mikrodosierungen verabreicht. Auch für diesen Austausch sei das deutschlandweite Netzwerk der Zentren sehr hilfreich. Elias Mutter ist dankbar für diese Möglichkeit. „Wir sehen, dass es Elias immer besser geht, er aktiver und konzentrierter ist und kaum noch Kopfschmerzen hat“, sagt sie. Dass es diese Anlaufstelle gäbe, sei ein Segen für die betroffenen Familien. 

(*Name auf Wunsch geändert)

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